Partnergemeinde Steinigtwolmsdorf

Von der " Patengemeinde" zur Partnergemeinde.

Partnergemeinde

Von der „Patengemeinde" zur „Partnergemeinde"

 

Es liegt im Auftrag einer Kirchengemeinde begründet, dass sie nicht bei sich selbst bleibt, sondern die Gemeinschaft in der Christenheit sucht. So gab es wohl partnerschaftliche Beziehungen der Kirchengemeinden aus den „neuen" Bundesländern zu Kirchengemeinden in den Landeskirchen der „alten" Bundesländer bereits aus der Zeit vor der Gründung der DDR im Jahre 1949 – und umgekehrt.

Wenn wir die Verhältnisse in Kirche und Gesellschaft vor der „Wende" betrachten, so ist festzustellen, dass die SED zunächst die Beziehungen zwischen den Kirchengemeinden zumindest geduldet, sie sogar wegen ihrer deutsch – deutschen Klammerfunktion hin und wieder gefördert hat. Auch als die politische Zielausrichtung einer deutsch-deutschen Vereinigung von der SED zurückgestellt wurde, haben Staatssicherheit und Regierung der DDR diese Beziehungen zwar misstrauisch beobachtet, aber nicht völlig unterbunden.
So kam es innerhalb der EKD zu Zuordnungen der einzelnen Kirchengemeinden im „Westen" zu Kirchengemeinden „im Osten".

Mit einem einfachen Handstreich am grünen Schreibtisch lässt sich zwar eine Beziehung begründen, aber nicht aufbauen und mit Leben erfüllen. „Kirche – das sind ja wir!" Diese Erkenntnis erfüllte bald Christen beiderseits des Stacheldrahtes. Hier wie dort bildeten sich Arbeitskreise und Gruppen, die sich die Vertiefung der Kontakte zwischen den Kirchengemeinden als ihre besondere Aufgabe stellten. Wegen der Reiseeinschränkungen der DDR kam es zunächst und zumeist zu Besuchen aus dem „Westen" in den Kirchgemeinden im Bereich der DDR. In den letzten Jahren der DDR durften Rentner, wenn besondere private Anlässe nachgewiesen werden konnten, Angehörige im „Westen" besuchen. Auf beiden Seiten gewannen diese Kontakte über die Jahrzehnte zunehmend an Bedeutung und Gewicht. Neben der wirtschaftlichen Hilfe, die West-Gemeinden immer wieder geleistet haben, wuchs die nationale und den christlichen Aspekt weit übersteigende Bedeutung dieser Begegnungen und Kontakte über Mauer und Stacheldraht hinaus: Der gemeinsame Glaube an Jesus Christus als den Sohn Gottes und die daraus erwachsene Beauftragung der Gläubigen, die Gemeinschaft untereinander zu suchen, bildete den gemeinsamen Nenner, den auch eine atheistische Gesellschaftspolitik der SED und der DDR- Regierung nicht zerstören konnte.

Dass diese gesellschaftlichen Bestrebungen der DDR - Verantwortlichen uns in unserem Denken und im zwischenmenschlichen Verhalten nicht unerheblich entfremden konnten, ist jedoch auch nicht zu leugnen. Das wird wohl jeder, der Verwandte in den jeweils anderen („neuen" bzw. alten") Bundesländern hat, zu seinem Bedauern inzwischen festgestellt haben. Umso wichtiger und wesentlich ist es, die partnerschaftliche Arbeit zwischen den Kirchengemeinden in Ost und West weiterzutragen und auszubauen. Die Zeiten, da die wirtschaftliche Bedeutung dieser Partnerschaft ein Übergewicht hatte, sind vorüber. Die ehemaligen ‚Patengemeinden‘ sind aufgerufen, echte Partnerschaften zu bilden, in deren Beziehungen der Geist des Glaubens an den einen und barmherzigen Gott, der der Vater Jesu Christi ist und der die Gemeinde mit seinem Geist der Einheit beschenkt, gilt und die verbindende Kraft darstellt.

Ich hatte Gelegenheit, im Aktenordner der Martin-Luther-Kichengemeinde Lauenbrück zu blättern. Bereits vor meiner Tätigkeit als Pastor hier in Lauenbrück (1978 – 1989) gab es eine starke Gruppe von ehrenamtlich tätigen Erwachsenen, später auch Jugendlichen, die Beziehungen zur Partnergemeinde Steinigtwolmsdorf in Sachsen unterhielt. Zudem hatte Pastor Dieter Baden, damals als Pfarrer in Lauenbrück tätig, später Superintendent in Loxstedt, engen Kontakt zum Pfarrerehepaar Köhler in Steinigtwolmsdorf. Ich habe auch Schriftstücke gelesen, in denen es um „verloren gegangene" Pakete in die DDR geht. Wenn man entgegen den DDR-Vorschriften zwei statt nur einem Stück Seife ins Paket legte, war das wohl bereits ein Grund, das ganze Paket verschwinden zu lassen. Zur Arbeit der Kirchengemeinden gehörte auch das Suchen nach Personen und die Wiederherstellung von Kontakten.

Ich lese: Im Jahre 1967 hat Lauenbrück nach schwierigen und langwierigen Bemühungen tatsächlich ein Tonbandgerät aus tschechischer Produktion an Steinigtwolmsdorf ausliefern lassen können. 1969 wurden Textilien an das Pfarramt mit dem Auftrag der Verteilung an bedürftige Gemeindeglieder geschickt. Diese und viele weitere Hilfslieferungen konnte man nicht einfach hier zur Post geben; das ging alles „seinen Gang", meist über eine Hilfsstelle der Diakonie der EKD. Komplizierte technische Geräte, die in der DDR nicht hergestellt wurden, bekamen gar keine Einfuhrerlaubnis oder wurden nur in Ausnahmefällen vom ‚Außenhandelsministerium der DDR‘ nach sehr umständlicher Beantragung freigegeben. So haben z. B. wir aus Lauenbrück 1980 zunächst die elektrische Steuerung einer von drei Glocken finanzieren und mit Erfolg beantragen können. Bis dahin musste die Ehefrau des Pfarrers in den Kirchturm hinaufklettern und alle drei Glocken mit der Hand anschieben! Später haben wir, ebenfalls nach langen Querelen, einen Windmotor für die Orgel in Steinigtwolmsdorf aus Süddeutschland teilweise mitfinanziert – das gute Stück war für uns allein zu teuer. So haben wir auch in den 80-ger Jahren manche Fliese oder manches Arbeitsmaterial besorgen und damit die Arbeit der Kirchengemeinde Steinigtwolmsdorf unterstützen können. In der Amtszeit von Pastor Dieter Baden wurde, wie ich gelesen habe, auch eine Verstärkeranlage für die Kirche in Steinigtwolmsdorf aus Mitteln der Kirchengemeinde Lauenbrück auf Beschluss der Kirchenvorstandes finanziert. In den 90-iger Jahren hat die Kirchengemeinde Lauenbrück zur Renovierung und Neugestaltung eines Abteils der Kirche zur „Winterkirche" beigetragen.

Wichtiger jedoch – nicht nur aus unserer Sicht – ist der persönliche Kontakt. Ich kann mich an mehrere Reisen zum Pfarrerehepaar Maria und Kollegen Joachim Conzendorf, den Nachfolgern des Ehepaares Köhler, erinnern. Seine Anträge, meine Einreise zu gestatten, wurden immer abgelehnt, aber über meine Verwandten, die in einem benachbarten Landkreis lebten, erhielt ich jeweils die Einreiseerlaubnis.

Der Posaunenchor ist häufiger, vor und auch nach der „Wende", dort gewesen. Gegenbesuche in Lauenbrück und Scheeßel (Partnergemeinde Sohland) haben stattgefunden. Wir haben immer alle privat gewohnt. Es erforderte von den Gastgebern Mut und brachte Nachteile. Wir fuhren wieder weg, aber sie hatten die Zurücksetzungen und Benachteiligungen staatlicher Organe zu fürchten. Pfadfinder unter der Leitung der Familie Röpnack aus Stemmen besuchten die Partnergemeinde und trugen so zum festeren Verbund zwischen den Kirchengemeinden bei. Jugendliche besuchten mit der Diakonin Jutta Koopmann und ihrem Ehemann Jugendliche aus unserer Gemeinde die sächsische Kirchengemeinde.

Mit der „Wende" kam auch die Zeit, in der Gegenbesuche aus Steinigtwolmsdorf möglich wurden. In dieser Zeit sind manche Partnerschaften „eingeschlafen", es war eine Zeit der Krise und der Neubesinnung; nicht so die Partnerschaft zwischen Lauenbrück und Steinigtwolmsdorf. Inzwischen sind zwar mit Pastor Lars Rüter in Lauenbrück und dem Pfarrerehepaar Maria und Michael Ramsch andere hauptamtlich Tätige in den Kirchengemeinden verantwortlich, aber der Übergang von der ‚Patengemeinde‘ zur ‚Partnergemeinde‘ wurde gut gemeistert; auch dank des Engagements ihrer ehrenamtlichen Glieder, denn sie haben erkannt: „Kirche – das sind ja wir!"

29.05.2013 - Hartmut Liepke, Pastor i.R.

 

BILDER (3)
Foto: auf der Treppe der Peterskirche/Görlitz
Foto: auf der Treppe der Peterskirche/GörlitzPartnergemeinde Steinigwolmsdorf
Lauenbrück zu Besuch in Steinigwolmsdorf

WEITERE INFORMATIONEN

Besuch in der Partnergemeinde Steinigtwolmsdorf

31.05.-02.06.2013

 

Eine neunköpfige Delegation besuchte in diesem Jahr die Partnergemeinde in Steinigtwolmsdorf und erlebte wieder wunderbare Gastfreundschaft und Gemeinschaft.

Am ersten Abend fand der gesellige Abend in der sogenannten Scheune statt. Bei gutem Essen gab es viele Möglichkeiten, sich kennen zu lernen, alte Kontakte aufzufrischen oder in einem Jahresrückblick einen Einblick in die Kirchengemeinde zu erhalten.

Mit einer Überlandfahrt startete der Ausflug nach Görlitz; viele kleine und große Orte zwischen Tälern und Hügeln luden zum Anschauen an. Dabei führte der Weg auch durch Löbau; hier befindet sich in der Nähe die Herrnhuter Brüdergemeine. Sie ist durch die Herrnhuter Sterne und deren Losungen weltbekannt. Görlitz zeigte sich mit vielen Sehenswürdigkeiten von seiner besten Seite, die bequem und trocken vom Oldtimerbus oder Kleinbus gesehen werden konnten. Viele interessante Informationen lieferte der Reiseführer. Ein Abstecher in den früheren Ostteil der Stadt, jetzt Zgorzelec/Polen rundete die Stadtrundfahrt ab.

Am Sonntag wurde der Gottesdienst gemeinsam mit Abendmahl gefeiert. Nach einem gemeinsamen Mittagessen, wieder mit vielen interessanten Gesprächen, wurde die Rückfahrt angetreten. Natürlich nicht, ohne die Steingtwolmdorfer für nächstes Jahr nach Lauenbrück eingeladen.